Weihnachtssingen – es ist Zeit für neue Lieder!

An Weihnachten darf und soll musiziert werden – und selbst der sonst recht wortkarge Opa, der normalerweise für Schnörkel und Ästhetisches allerlei Art kein Verständnis hat, singt an Weihnachten mit Begeisterung mit. Denn er kennt viele Lieder noch aus seiner Jugend und ist in Gedanken bei seiner verstorbenen Mutter und seinen Geschwistern, von denen ein Teil im Krieg gefallen ist.

In diesem Artikel will J. Dörfler Einblicke in ihren Background geben und die Frage wagen, ob in puncto Weihnachtsgedichte und -lieder eine neue Mainstream-Epoche erlaubt ist.

Es ist Zeit für neue Weihnachtslieder!

Doch ist es mittlerweile nicht Zeit, eine neue Generation von Liedkompositionen zu schaffen? Klar ist es schön, die alten Lieder zu tradieren, doch neue Werke, die das alte Repertoire ergänzen können, bewirken, dass sich die Augen wieder für neue Aspekte öffnen, die Weihnachten zu bieten hat.

Die Germanistin Joana Dörfler bietet dieses Jahr einen Adventskalender, der jeden Tag ein (vertonbares) Gedicht bereithält. Sie stammt aus einer relativ musikalischen Familie und hat als Kind an ein paar Jugend-Klavierwettbewerben teilgenommen sowie in der Kleinstadt mit einem Orchester musiziert. Auch das Singen im Kinderchor gehörte dazu – einfach, weil es Spaß machte. Nach dem Abitur belegte sie im Nebenfach Musikwissenschaft und stieg in diesem Rahmen (wie auch in ihrem weiteren Nebenfach, der Deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters) in die faszinierende Epoche des Mittelalters ein.

Wie war Musik eigentlich im Mittelalter?

Mittelalterliche Gesänge können ihren Reiz haben, doch fehlt es ihnen für unser heutiges Ohr an Lebendigkeit und überraschenden Wendungen. Auch wirkt die mittelalterliche Melodik in unseren Ohren fremd und nicht immer ästhetisch. Joana sagt dazu: „Einmal habe ich meiner Familie an Weihnachten ein mittelalterliches Lied vorgespielt. Es handelte sich um aktuelle Interpretationen von Liedern des Oswalds von Walkenstein. Meine Familie war ermüdet von dem Gesang und fand ihn abscheulich!“

Außerdem stellt es bis heute eine Wissenschaft dar, die Musikalien aus dem Mittelalter in unsere heutige Notation zu „übersetzen“. Auch Joana durfte als Musikwissenschafts-Studentin Werke in Mensuralnotation transkribieren. Mittelalterliche Handschriften mit ihrer damals üblichen Notation sind etwas sehr Faszinierendes. Dabei stellte eine schriftliche Notation freilich eher die Ausnahme dar und war den Reichen vorbehalten: Im Normalfall wurden Melodien also im Brauchtum – das heißt mündlich – von Generation zu Generation überliefert.

Für die Transkription der Notation der „Reichen“ braucht man ein wenig mathematisches Geschick, denn im Mittelalter herrschten komplett andere Rhythmen vor, als wir sie heute kennen. Wenn man es im Studium im Rahmen eines Kurses sowie bei Lösung der Hausaufgaben übt, hat man es bald drauf. Doch im Alltag verwendet man diese Fähigkeit nie wieder. Was Jahre später davon übrig bleibt, ist der Eindruck, mit einer komplett anderen Welt in Berührung gekommen zu sein.

Zurück zur Frage der Rolle von Weihnachten im Mittelalter

Wie die Menschen im Mittelalter Weihnachten gefeiert haben? Obwohl dieses Zeitalter eine sehr lange Zeitspanne umfasst, ist darüber sehr wenig überliefert. Was aber bekannt ist, sind die drei Wörter „ze wihen nath“ – „zur geweihten Nacht“. Das ist mittelhochdeutsch, also die Sprache, die man in Deutschland im Mittelalter sprach und die die Germanistik-Studenten an der Uni büffeln müssen.

Spannend ist übrigens die Tradition im Mittelalter, vom 25. November bis Weihnachten zu fasten. Auch am 24.12. gab es kärgliche Kost wie etwa Brotsuppe. Von der Kommerzgesellschaft, die wir heute an Weihnachten pflegen, war man also im Mittelalter sehr weit entfernt.

Das Krippenspiel hat seine Wurzeln übrigens im Mittelalter

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts begann diese Tradition, die bis heute beliebt ist.

„Meine Oma geht bis heute sehr gern in die Kirche und schaut sich an, was dort geboten wird. Wie Weihnachten bei uns normalerweise abläuft? Es findet immer nur noch bei meinen Großeltern statt, da diese schon recht alt sind, weshalb kein Klavier zur Verfügung steht, auf dem ich die Familie bei ihrem Gesang begleiten könnte. Aber meine Mutter ist Hobby-Gitarristin, die jahrelang in einer internationalen Gruppe mitgespielt hat und als Sozialpädagogin gern im Chor des Amtes singt.“

Joana selbst singt mittlerweile nicht mehr so gern wie früher – aus dem einfachen Grund, weil ihr im Alltag die Übung des Singens fehlt. „Und blamieren möchte ich mich auch nicht.“

Dabei stellt das Singen an sich eine sehr befreiende und für die Seele angenehme Tätigkeit dar. Warum also sollte man sich, wenn man über einigermaßen musikalisches Talent verfügt, nicht einmal als Komponist versuchen und das Experiment wagen, die traditionellen Weihnachtslieder vom Thron zu stoßen? Joana hat sich jedenfalls vorgenommen, ein paar ihrer Adventskalender-Weihnachtsgedichte zu vertonen.

München, Dezember 2020